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Save the Date 28. September 2019

Newsarchiv

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Deutsche Läufer auf dem Weg nach München

Um es vorweg zu sagen, Wattenscheid war gewiss keine Offenbarung

für den Deutschen Leichtathletik-Verband, doch die Zukunft ist keineswegs

so düster, wie es noch vor einigen Wochen ausgesehen hat. Unter der Rubrik

„Perspektiven“ hat sich nämlich bei den Titelkämpfen im

Lohrheidestadion schon die eine oder andere Zukunftsinvestition

aufgedrängt. René Herms, der deutlich seiner Sydney-Form hinterher

laufende Nils Schumann, Franek Haschke und weiter mit Abstrichen aber auch die

5000 m-Läufer Jan Fitschen, Mario Kröckert, Michael May sowie die

eher junge Hindernisgarde um Filmon Ghirmai und die eher zu längeren

Strecken tendierenden Alexander Lubina und Sabrina Mockenhaupt. Wattenscheid

hat aber auch Defizite offenbart, denn die Decke hinter einer kleinen Spitze

ist fast durch die Bank ausgedünnt. Ausfallende Vorläufe bzw.

Vorläufe mit Farce-Charakter sind erkennbare Signale. Hier ist der DLV mit

der Leistungssportabteilung und den zuständigen Disziplintrainern

einerseits gefordert, aber andererseits sind „Privatinitiativen“

wie die in Wattenscheid vorgestellte „Trainerschuhe Ruhr“ dringend

notwendig, um langfristige Akzente für den Laufbereich setzen zu

können. Olympia 2012 ist ein trefflicher Aufhänger, zumal allenorts

plötzlich Gelder locker gemacht werden (können). Es bleibt allerdings

zu hoffen, dass diese Geldquellen nicht schon im Frühjahr 2003 und

spätestens 2004 versiegen, wenn der deutsche Bewerber um die Olympiade

2012 auf der Strecke bleiben sollte.

800 m Männer: Harms schlug Schumann mit dessen

Waffen

Der Turbo des Olympiasiegers stockte auf der Zielgeraden, die Gegenwehr gegen

den heranfliegenden Herausforderer eine bescheidene. „Dass mir hinten

heraus ein Stück fehlt, war nicht vorauszusehen“, gestand ein

sichtlich konsternierter Nils Schumann nach einem heißen Sprintfinale mit

überraschendem Ausgang. Dabei hatte sich der Erfurter seinen Auftritt im

Lohrheidestadion gewiss anders vorgestellt, auch wenn die Sydneyform nach den

eher zaghaften Saisonstarts nicht unbedingt zu Optimismus Anlass geben durfte.

„Wenn man gegen einen Olympiasieger laufen kann, gibt man 102

Prozent“, freute sich dagegen René Herms nach seinem Coup, der im

Grunde genommen eine Kopie Schumannscher Laufmanier ist. Der in Abwesenheit von

Schumann im letzten Jahr schon zu Titelehrren gekommene 19jährige

Läufer aus Pirna gab in der Tat im Lohrheidestadion alles, lief mit

1:45,85 eine vorzügliche Bestzeit und gilt somit neben Schumann als ein

heißes Eisen für den DLV in München. Nahezu unbemerkt vollzieht

sich hingegen der Abschied von Nico Motchebon, der sich nach leichtem

Muskelziehen auf dem Aufwärmplatz zur Vorlaufzeit schon aus dem

Wettkampfgeschehen verabschieden musste – nach den eher bescheidenen

Auftritten der Saison zeichnet sich ein lautloser Abgang eines Großen der

800 m-Strecke ab.... Bronze gewann übrigens mit Christian Köhler ein

junger Mann aus der Rostocker Läufergarde von Klaus-Peter Weippert, der

sich anschickt, seine erfolgreichen Titelsammler der Jugendklasse nun auch

Stück für Stück in die Aktivenklasse hinein zu verpflanzen.

1500 m Männer: Haschke hochmotiviert zum

Alleingang

Franek Haschke legte vor – und René Herms vollendete, so

lässt sich die aufregende Titeljagd der Pirna-Jungs auch ohne Wolfram

Müller auf den Punkt bringen. „Ja, es ist schon hart, wenn es in

unserer Gruppe richtig zur Sache geht“ plauderte Franek Haschke aus dem

Nähkästchen. Und es wurde richtig hart für den 22jährigen

im Lohrheidestadion nach seiner furiosen Auftaktrunde in 56 Sekunden.

„Ich war so motiviert“ gestand Franek. Damit nahm er offensichtlich

der deutlich unterlegenen Konkurrenz den Schneid, auch wenn der stark

verbesserte Mark Rapp mit Philipp Legath und Christian Güssow im Schlepp

den Abstand nicht zu groß werden lassen wollte. Franek Haschke knickte

erst auf der Zielgeraden merklich ein, doch der Riesenvorsprung des

Jahresschnellsten war zu groß, um die wie enfesselt um Rang zwei

fightenden Legath und Rapp noch ernsthaft ins Spiel zu bringen. „Mir hat

einer gefehlt, der nach drei Runden einfach dagegen gehalten hätte“,

entschuldigte sich quasi der neue Meister über die letztlich nur 3:43,02

Minuten, „nach 1200 Metern habe ich gespürt, dass es sehr, sehr hart

werden würde!“ Doch es hat gereicht zum 1500 m-Titel, der nach dem

Müller-Triumpf von Stuttgart für ein weiteres Jahr in Pirna bleibt.

Glückliches Ende aber auch für Philipp Legath, der sich zwei Sekunden

hinter Franek Haschke die Vizemeisterschaft sichern sollte.

5000 m Männer: Jan Fitschen nutzt Heimvorteil

Im Lohrheidestadion konnte eigentlich nur ein Wattenscheider gewinnen –

und Jan Fitschen hat es für seinen Club, den TV Wattenscheid 01, getan.

Ein nicht unbedingt schnelles Rennen war geradezu eine Einladung für den

25jährigen, der sich seit zwei Jahren um den Umstieg von der 1500 m- zur

5000 m-Strecke bemüht. „Der Spurt war eigentlich schon immer meine

Stärke“, bedankte sich Jan Fitschen freudestrahlend für die

Einladung der Konkurrenz, das Rennen zwar zügig, doch nicht zu schnell zu

gestalten. Ein sichtlich noch unter den Nachwirkungen seiner langwierigen

Verletzung laborierender Sebastian Hallmann hatte sich zwar anfangs um eine

flotte Gangart bemüht, doch alleine konnte er diese Herkulesarbeit nicht

verrichten. Mal Carsten Schütz, mal Alexander Lubina an der Spitze, die

Zuschauer im weiten Rund der herrlichen Leichtathletikanlage im Bochumer

Stadtteil Wattenscheid dankten jedenfalls die beherzten Auftritte der

„TVW“-Athleten mit starkem Jubel. Und beflügelten zu

besonderer Kraftanstrengung. Rang eins für Fitschen, vier für Lubina

und acht für Schütz, die Bilanz der Trainingsgruppe von Tono

Kirschbaum jedenfalls konnte sich vor den 18 000 Zuschauern am Samstagabend

durchaus sehen lassen. Meister Jan Fitschen wird die DLV-Farben in München

vertreten können, auch wenn er die hohe Hürde der DLV-Norm von 13:25

nicht überspringen konnte. Die Hintertür, DM-Titel und

„EAA-Norm“, machts jedenfalls möglich. Aber auch der

zweitplatzierte Mario Kröckert wird zur EM fahren können: Der

22jährige Leverkusener hatte bereits im Vorfeld mit 13:34,30 die

„weiche“ DLV-Norm für Nachwuchsathleten geschafft, wird in

München allerdings seine Chancen (übrigens mit dem in Wattenscheid

wegen einer Erkältung fehlenden europäischen Jahresbesten Dieter

Baumann) über 10 000 m wahrnehmen. Zehn Läufer blieben über 5000

m unter 14:00 Minuten, eine Barriere, die, wie ZDF-Sportchef Wolf-Dieter

Poschmann in einem Pressegespräch zur Eröffnung der „Laufschule

Ruhr“ erinnerte, vor zwanzig Jahren gerade einmal nach drei

hartumkämpften Vorläufen zum Finaleinzug (!) ausreichten. Doch die

Situation ist heute eine völlig andere, die seinerzeit tonangebenden

Athleten wie Klaus-Peter Hildenbrand, Detlef Uhlemann oder Hans-Jürgen

Orthmann sind eine Erinnerung an bessere Zeiten....

3000 m Hindernis Männer: Das „Riesending“ des

Filmon Ghirmai

Damian Kallabis war konsterniert und verständlicherweise kurz angebunden:

„Das war doch wenigstens etwas für die Zuschauer!“ Und

vollendete sein Statement sarkastisch mit „Second Place is the first

looser!“ Zu tief saß der Schock der überraschenden

Spurtniederlage gegen Filmon Ghirmai, der seine, erst vor wenigen Tagen in

Luzern erzielte Jahresbestmarke von 8:24,58, damit gewiss eindrucksvoll

bestätigte. „Ich habe eigentlich taktisch nichts falsch gemacht,

sondern wie gewohnt, meinen langen Spurt angezogen!“ Doch der Schwabe

hatte seine Rechnung ohne einen anderen Schwaben gemacht, den seit seinem

sechsten Lebensjahr in Gomaringen lebenden, inzwischen aber in der

Baumann-Gruppe an seinem Studienort Tübingen trainierenden

„Fili“ Ghirmai. Erfrischend locker plauderte der

Überraschungsmeister im staunenden Journalistenkreis drauflos: „Mit

dem Titel habe ich überhaupt nicht gerechnet, zumal ich mich gestern noch

völlig schlapp gefühlt hatte. Aber das ist nun ein Riesending

für mich!“ Und widmete im gleichen Moment diesen

Überraschungscoup seinem langjährigen Trainer Alexander Seeger, von

dem er sich erst vor zwei Wochen getrennt hatte, um mit der intensiven

Betreuung von Isabelle Baumann zum Sprung in die Internationale Klasse

anzusetzen. Wenige Schritte entfernt packte ein enttäuschter Ralf Assmus

seine Klamotten zusammen. „Das mit der EM hat sich damit wohl erledigt,

ich bin einfach dafür nicht gut genug!“ Nüchternes Fazit

für einen, dem nach Rang neun in Edmonton schon auf dem Sprung in die

Weltelite war, aber nach einer Operation heuer den Anschluss noch nicht wieder

gefunden hat... Erfreulich, dass Bundestrainer Dieter Hermann eine junge,

leistungsstarke Spitze um sich herum weiss, die mit Perspektiven die

große Tradition dieser Disziplin fortsetzen kann. Damian Kallabis ist mit

29 Jahren der „Oldie“, der Überraschungsmeister Ghirmai ist

22, Aßmus 25, der im dramatischen Finale regelrecht untergegangene Vierte

Raphael Schäfer 21, der anfangs mit Mut zum Risiko tempomachende Steffen

Preuk sogar erst zwanzig!

800 m Frauen: Claudia Gesells Meisterstück!

„Das ist mein schönster Meistertitel“ jubelte Claudia Gesell

im Ziel des hochkarätigen 800 m-Finales und wischte sich zugleich einige

Tränen aus dem Auge. Die Oberbayerin im Trikot des TSV Bayer 04 Leverkusen

ist nach dem Bandscheibenvorfall 2001 wieder zurück – in der

Erfolgsspur. Pech für Ivonne Teichmann, die mit 2:00,07 die deutsche

Jahresbestzeit hält, aber im entscheidenden Sprint um einen Hauch zu

langsam war. Dabei hatte die Madgeburgerin alle Voraussetzungen für eine

erfolgreiche Titelverteidigung mit einem lang gezogenen Spurt geschaffen. Eine

Anja Knippel konnte sie abschütteln, aber nicht die kampfstarke Claudia

Gesell. Die Meisterin ist nach ihrem Sieg in 2:00,97 mit Sicherheit dabei, die

Zweite Ivonne Teichmann gewiss auch. Denn so viele hochkarätige

Zweifelsfälle auf internationalem Niveau kann es im DLV nun wirklich nicht

geben.

1500 m Frauen: Kathleen Friedrich über den Titel nach

München

Die Siegerin hat immer Recht. Dies gilt in diesem Falle gewiss für

Kathleen Friedrich, die Potsdamerin im Trikot des LAC Erdgas Chemnitz. Vor zwei

Wochen musste die 25jährige dem Feld beim Europacup-Finale im

französischen Annecy noch hinterher laufen, da Atembeschwerden eine

schnelle Gangart unmöglich machten. Im DM-Finale in Wattenscheid lief sie

ebenfalls hinterher, doch nur 1300 m lang der aufopfernd um die EM-Norm von

4:07 kämpfende Kristina da Fonseca-Wollheim. Mit einem resoluten Antritt

machte die Meisterin der Jahre 2000 und 2001 alles klar für den erneuten

Titel, der sie auf Umwege nun doch nach München führen wird. Denn

auch sie ist bislang der hohen Normvorgabe nachgelaufen, dank der Meisterschaft

ist nun der Weg bereitet für einen Start im Münchener Olympiastadion.

Der erste Verlierer ist in der Tat Kristina da Fonseca-Wollheim, die bereits im

Vorlauf im Alleingang eine 4:13,09 vorlegte, im Endlauf alles für einen

EM-Start riskierte und mit wertlosen 4:13,23 zwar Meisterschaftssilber gewann,

aber letztlich mit leeren Händen dasteht. „Es ist schade, ich musste

alles oder nichts gehen!“ Enttäuschung pur bei der Berlinerin im

Trikot der Frankfurter Eintracht. Ansonsten Enttäuschung pur auf einer

Distanz, die einstmals zu den Stärken im DLV zählte. Dreizehn bzw.

zehn Sekunden hinter den beiden Erstplatzierten kamen mit Sylvia Thier (unter

ihrem Mädchennamen Kühemund mehrfache Titelträgerin) der

erfreulich starken Marathonläuferin Ulrike Maisch die Verfolgerinnen ins

Ziel! Wer soll hier in Zukunkft die gähnende Leere ausfüllen. Zum

Glück stehen im Jamaika-Aufgebot zur U 23-WM mit Katharina Splinter und

Antje Möldner zwei Perspektiven für die mittelfristige Zukunft.

5000 m/ 3000 m Hindernis der Frauen: Sabrina Mockenhaupt und Melanie

Schulz alleine auf weiter Flur!

Alleingänge sind in der Regel langweilig – und selten schnell.

Beides trifft jedoch nicht auf die Entscheidungen der Frauen über 5000 m

und 3000 m Hindernis zu. Die Konkurrenz weit zurück spulten die beiden

Frontfrauen der neuen Läufer-Generation ihren Part herunter. Die eine

(Sabrina Mockenhaupt), um mit gewiss nicht erstklassigen 15:46,92, aber

mindestens dreißig Sekunden Vorsprung vor Susanne Ritter, Birte Bultmann

und wiederum Ulrike Maisch letzte Zweifel an ihrer EM-Tauglichkeit zu

verwischen. Die andere (Melanie Schulz), um mit 43 (!) Sekunden nicht nur

Hindernismeisterin zu werden, sondern auch ihren gerade erst wenige Wochen

alten deutschen Rekord um zehn Sekunden auf 9:38.31 zu verbessern. „In

dieser Strecke steckt noch viel drin“ ist sich Melanie Schulz sicher, die

gerne in München als Nummer drei weltweit auch auf dieser Strecke

gestartet wäre, doch im Gegensatz zum Europacup-Finale fehlt in

München diese junge Strecke noch im Meisterschaftsprogramm. Dafür

wird die 23jährige über 5000 m im Verbund mit Sabrina Mockenhaupt

starten, zwei Teenager auf Erfahrungstrip mit klasse Aussichten auf die

Zukunft!

Wilfried Raatz

 

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