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Kenianische Doppelsiege und deutsche Achtungserfolge

Artikel des Running News Network - runnn.com

Arne Gabius, Steffen Uliczka und Julia Viellehner überraschten mit einer starken Vorstellung bei der EM-Qualifikation auf der Lichtwiese – Vor allem der Nachwuchs überzeugte bei den „Deutschen Winter-Meisterschaften“ in Darmstadt

Dieter Baumann war einmal mehr in seinem Element. Vor einigen Jahren war er selbst noch der Leitwolf bei der „DM-Alternative“, als der Veranstalter ASC Darmstadt aus dem Stand heraus innerhalb von nur vier Tagen einen Ersatz für die seitens des Deutschen Leichtathletik-Verbandes vorschnell abgesagten deutschen Crossmeisterschaften aus dem Boden stampfte und viel Lob dafür erhielt. Nun kehrte der einstige Olympiasieger an den Ort des Geschehens zurück. Als Coach seiner „Jungs“ beim LAV Asics Tübingen – und er schrieb den achthundert Crosshungrigen beim Darmstadt-Cross, unbestritten die Nr. 1 der deutschen Querfeldeinszene, ins Stammbuch: „Cross ist eine tolle Abwechslung im Winter. Aber auch eine gute Gelegenheit, die anderen wieder einmal zu sehen“. Wie recht dabei der inzwischen 42jährige, aber leistungsmäßig überaus fitte einstige Vorzeigeläufer hat, das mögen die Starterfelder auf dem ideal gelegenen Cross-Parcours auf der Lichtwiese, nicht zuletzt auch durch die Cross-Europameisterschafts-Qualifikationen gespickt mit namhaften Athleten, unterstreichen. Auch wenn sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen jeweils die ersten beiden Ränge durch Nicholas Koech und Anderson Chirchir oder Regina Nguria und Jebichi Yator, die 23. Auflage des Traditions-Crosslaufes wurde zur „deutschen Winter-Meisterschaft“, zur bestens geeigneten Standortbestimmung für die große Riege der Bundestrainer des DLV.

Und darum ging es vornehmlich in den Nachwuchsklassen, denn der DLV wird nach der Leistungsschau von Darmstadt seine Mannschaft für die Cross-Europameisterschaften am 9. Dezember im spanischen Toro nominieren. „Es bleibt dabei, bei den Männern und Frauen werden wir nur Einzelstarter entsenden“, so Langstrecken-Bundestrainer Detlef Uhlemann, „während wir im Nachwuchsbereich an unserem eingeschlagenen Weg festhalten werden und komplette Teams benennen werden!“ Darin sind sich aber auch die für den Nachwuchs verantwortlichen Trainern Lutz Zauber (weiblich) und Werner Grommisch (männlich) einig und setzen auf die in Darmstadt zum Teil furios durchgestarteten Jugendlichen, so dass der eine oder andere eher etablierte Nachwuchsläufer voraussichtlich zu Hause bleiben muss.

Auf der komplett einsehbaren Crossrunde unweit des Hochschulstadions am Stadtrand von Darmstadt meldete sich ein erstaunlich stark auftrumpfender Arne Gabius nach nur kurzer Saison-Regeneration in bereits beachtlicher Form zu Wort. „“Ich wollte heute bester Deutscher werden“ diktierte der Neu-Tübinger aus Hamburg den zahlreichen Journalisten in die Notizblöcke. „Das ist mir auch gelungen, auch wenn ich den Start verpennt habe“. Der Schützling von Dieter Baumann zeigte erfrischenden Mut zum Risiko und war letztlich der einzige der deutschen Asse, der mit den beiden munter drauflos stürmenden Kenianern Koech und Chirchir auf der 9,7 km langen Strecke noch mithalten konnte. „Das zeigt mir allerdings auch, in welch guter Verfassung ich aus der Saison herausgegangen bin. Ich habe aber nicht vor, die Cross-EM zu laufen. Das lässt sich mit meinem Medizin-Praktikum nicht vereinbaren. Eine Hallensaison werde ich aber machen, da gibt es übrigens auch eine WM in diesem Winter....“ lässt vielsagend Arne Gabius alle Eventualitäten offen. Hinter dem starken Gabius empfahl sich aus einer starken Dreiergruppe mit Sebastian Hallmann, Steffen Uliczka und dem Crossmeister Stephan Hohl vor allem der Hindernis-Spezialist Uliczka, den Uhlemann gerne als Einzelstarter mit zur Cross-EM mitnehmen möchte. „Seine Schlussrunde war vor allem stark“ anerkannte neidlos Stephan Hohl die Stärke seines Konkurrenten, dem er neun Sekunden später auf Rang vier folgte. Etwas geknickt Sebastian Hallmann, der stark gestartet war, um letztlich mit leichten Seitenstechen im Konzert der deutschen Läufer mit Rang vier nicht ganz das zu erreichen, was er sich eigentlich auf dem schnellen Wiesenparcours vorgenommen hatte.

Auch bei den Frauen dominierten an der Spitze die ausländischen Starter. Zusammen mit den beiden Kenianerinnen Nguria und Yator bog mit der Polin Katarzyna Kowalska die U 23-Europameisterin im 3000 m-Hindernislauf in die Schlussrunde. Dahinter verblüffte die 22jährige Julia Viellehner selbst die Fachleute, die mit einem energischen Schlussteil sogar auf die Polin auflaufen konnte und hauchdünn zurück Rang vier belegte. „“Endlich habe ich wieder die Form, die ich vor meiner Verletzung hatte“ freute sich die Winhöringer Juniorin, die in der kommenden Saison für die LG Passau starten wird, die nach einer fünfmonatigen Zwangspause nun wieder durchstarten möchte. „Es hat mich schon überrascht, dass ich mich von den anderen Deutschen so problemlos habe absetzen können. Ich liebe aber Crosslauf und freue mich deshalb schon auf die EM!“ Für Uhlemann ist sie klar gesetzt bei der U 23 – und damit erstmals nicht im Frauenrennen dabei. Was die Chancen auf ein anständiges Abschneiden merklich steigern sollte.

Eine geringe Hoffnung auf einen EM-Start macht sich allerdings auch Simret Restle, die hinter Julia Viellehner zweitbeste deutsche Läuferin wurde, nachdem sie seit drei Wochen im Besitz eines deutschen Passes ist. „Ich habe das schwere Rennen in Tilburg in der Vorwoche noch in den Beinen gespürt, deshalb fehlte mir am Ende doch die Kraft“. Und das wäre fast noch ins Auge gegangen, denn hinter der gebürtigen Äthiopierin folgte dichtauf schon die wieder genesene Birte Bultmann vor Stephanie Beckmann, während die eigentliche 1500 m-Sepzialistin Antje Möldner einmal mehr zu spät „aufzwachen“ (so der O-Ton ihrer Trainerin Beate Konrad) schien, um mehr als Rang sechs zu realisieren.

Im U 23-Wettbewerb der Junioren überraschte Christian Stanger, der sich dank eines mutigen Tempovorstoßes gegen Ricardo Giehl und Zelalem Martel durchsetzen konnte. Eine ähnliche Taktik wurde für die 17jährige Mira Glocker vom Baumann-Club LAV Asics Tübingen zum Erfolgsrezept. Mit deutlichem Vorsprung gewann sie gegen die durchweg älteren Katharina Heinig, Mareike Schrulle und Julia Weniger. Bei den Jungen setzte sich hingegen mit Alexander Hahn der deutsche Crossmeister und EM-Siebte von San Giorgio su Legnano durch. Der Leverkusener behauptete sich gegen eine kompakte Konkurrenz mit Rico Schwarz an der Spitze. Während Thorsten Baumeister als sechstbester Deutscher gerade noch ins EM-Aufgebot rutschen dürfte, sind die Chancen für den U 20-EM-Zweiten Matti Markowski und den Berglauf-EM-Vierten Manuel Stöckert nur noch theoretischer Art. Im Frühjahr standen beide noch mit starken Leistungen in der deutschen Mannschaft, die bei der Cross-WM in Mombasa als Zwölfter überraschend bestes europäisches Team wurde.

Gegen die zumeist sich stark präsentierenden Deutschen taten sich die Gäste aus den benachbarten Alpenländern Österreich und Schweiz deutlich schwerer als man es zuvor erwartet hatte. So blieb dem Schweizer Headcoach Fritz Schmocker dann alleine das uneingeschränkte Lob an den Veranstalter, der bei der 23. Auflage erneut eine Vorzeigeveranstaltung hinlegte. Der Berner 5000 m-Olympiazweite Markus Ryffel zeigte sich dabei nicht minder angetan über die „tolle Veranstaltung“, wie er sagte, freute sich aber auch über die erfolgte Qualifikation seines 17jährigen Sohnes Christoph, der sich als Fünfzehnter und zweitbester Eidgenosse für Toro empfehlen konnte. In Darmstadt gab es übrigens ein Treffen früherer Cracks, denn neben Uhlemann, Ryffel und Baumann fanden auch andere Größen wie 800 m-Europameister Olaf Bayer, Olympiafackenträger Günter Zahn, 1500 m-Weltklasseläufer Paul-Heinz Wellmann, Marathonass Katrin Dörre-Heinig oder die Langstreckenläufer Thomas Eickmann und Willi Jungbluth den Weg nach Darmstadt.

Wilfried Raatz

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