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Save the Date 28. September 2019

Newsarchiv

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Laufen ist Museumsreif

In der Beilage zum BERLIN-MARATHON 2004 hat die „Berliner Zeitung“

meine alten Brütting-Laufschuhe abgebildet. Für einen Beitrag

über die Entwicklung des Laufschuhs hatte sich die Redaktion an das

Sportmuseum Berlin gewandt. Dort sind der EB Lydiard Road Runner und der EB

Marathon im Magazin. Beide Paare der ersten spezifischen Langlaufschuhe habe

ich vor einigen Jahren dem Berliner Sportmuseum geschenkt. Denn was

geschähe mit solchen Hinterlassenschaften alter Läufer? Die Erben

finden unter allen möglichen Lauf-Devotionalien auch abgerissene

Laufschuhe; wer will die noch tragen? Ab in den Container! Auf diese Weise wird

Sportgeschichte entsorgt, und später weiß keiner mehr richtig, wie

es war, und einer schreibt vom anderen ab, wie es gewesen sein könnte.

DIE ENTWICKLUNG DOKUMENTIEREN

Ursprünglich hatte ich vor, in Bad Arolsen ein Laufmuseum zu

begründen; eine Ausstellung während einer Ausdauersportwoche mit

Stellwänden – und den EB-Schuhen in der Vitrine – sollte den

Kernbestand bilden. Zum Glück kam es anders; für uns reichlich

blauäugige Initiatoren wäre die Last einer Dokumentation der

Laufgeschichte bei weitem zu schwer gewesen. Vor zehn Jahren trug die

internationale Vereinigung der Marathon-Veranstalter, die Association of

International Marathons and Road Races (AIMS), dank der Vermittlung ihres

Direktoriumsmitglieds Horst Milde dem Sportmuseum Berlin an, als „AIMS

Marathon-Museum of Running“ zu fungieren und damit die Entwicklung des

Langstreckenlaufs zu dokumentieren. Zwar war es im Grunde damals auch dem

Sportmuseum Berlin unmöglich, diese Aufgabe zu schultern; aber hier, an

traditionsreichem Ort und am Austragungsort eines der wichtigsten und

größten City-Marathons der Welt, stimmten die Voraussetzungen.

Der Sport hat es in der Museumslandschaft überaus schwer. Für

alles Mögliche gibt es ein Museum, und nicht einmal eine Systematisierung

kann vollständig sein. Jeder größere Ort hat sein Heimatmuseum,

und so mancher Kulturbürgermeister betreibt auf Kosten der Steuerzahler

seine lokale Galerie. Wir haben unzählige Technik-, Auto- und

Motorradmuseen, naturkundliche und historische Sammlungen, ein Zucker-, ein

Schokoladenmuseum und viele Weinmuseen, wir haben museale Folterstätten

und skurrile Sammlungen wie die von Nachttöpfen. Der Sport hängt

zwischen allem. Entrüstet wendet sich die „Kultur“ von

verschwitzt gewesenen Sportlerleibchen als Museumsobjekten ab. Kunstbetrieb und

Lebenswirklichkeit klaffen auseinander. Im Sport hingegen dominieren die

messbaren Werte. Kultur wird dabei oftmals nur als Alibi-Funktion wahrgenommen.

Diese Problematik zeigte sich schon sehr früh.


Historischer Laufschuh vom real,- BERLIN-MARATHON - Naoko Takahashi war die

erste Frau, die im Marathon die Barriere von 2:20 h durchbrach

Insbesondere auf Betreiben von Erich Mindt, dem Gründer des

ältesten deutschen Boxsportvereins, kam es 1924/25 zum Aufbau eines

Museums für Leibesübungen in Berlin, des ersten Sportmuseums der

Welt. Vor dem hatten in Deutschland mehrere Sportausstellungen stattgefunden,

auch bei den Hygieneausstellungen spielten Leibesübungen eine Rolle, und

1895 war in Freyburg an der Unstrut das Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum

eröffnet worden.

Eine ausführliche Darstellung der Sportmuseumsbestrebungen in

Deutschland findet sich in den von Martina Behrendt und Gerd Steins redigierten

„Sporthistorischen Blättern“ Nr. 7/8: „Sport(geschichte)

in Museen und Archiven“. An die Berliner Gründung im Ephraim-Palais

im Nikolaiviertel erinnert seit 1994 eine Gedenktafel. Das Museum war

zunächst im Alten Berliner Schloss am Lustgarten untergebracht und wurde

dann in das so genannte Architektenhaus verlegt. Den Nazis war das junge Museum

wegen der Kontakte zur Arbeitersportbewegung und der Tatsache, dass dem

Förderverein Juden angehörten, reichlich suspekt. Es wurde zu einer

der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglichen Studiensammlung der

Universität herabgestuft. Erich Mindts Eintritt in die NSDAP, aus der er

später am liebsten ausgetreten wäre, konnte daran nichts ändern.

Im Krieg wurden die Museumsbestände größtenteils zerstört

und Erich Mindt, der nach der Ausbombung mit seiner Familie Zuflucht im

Oderbruch gesucht hatte, von einem sowjetischen Soldaten ermordet.


Porzellanteller anlässlich des ersten City-Marathons in Berlin

1981

Erst 1970 gelang es engagierten Sportveteranen in Ostberlin, wieder ein

Sporthistorisches Kabinett zu gründen. Mitte der achtziger Jahre wurde ein

zentrales Sportmuseum der DDR angestrebt. Im Westteil versuchte das 1976

gebildete „Forum für Sportgeschichte“, an die Tradition des

zerschlagenen Museums für Leibesübungen anzuknüpfen. Beide

Institutionen wurden 1990 zum Sportmuseum Berlin zusammengelegt, dem dann

prompt die „Abwicklung“ drohte.

Nachdem das Sportmuseum der Stiftung Stadtmuseum unterstellt worden war,

konnte es, wenn auch um den Preis der Abhängigkeit, als Regionalmuseum

für den Sport in Berlin und Brandenburg erhalten werden. Solche

Regionalmuseen gibt es in Leipzig (seit 1977), wo die 80.000 Objekte des

DDR-Sports nach der Wiedervereinigung schleunigst in den Keller verbannt

wurden, und, was man nur mit äußerster Mühe wahrnehmen kann, in

Frankfurt am Main; unter den anderen sporthistorischen Initiativen in den

Bundesländern hat sich das Niedersächsische Institut für

Sportgeschichte zu Hoya einen guten Namen erworben.

EIN MUSEUMSKONZEPT

Sportpolitisch war offenbar gewollt, dass Köln, wo 1982 ein

einschlägiger Verein gegründet wurde, der Sitz eines zentralen

Sportmuseums, des 1999 eröffneten Deutschen Sport- und Olympiamuseums,

werden sollte. Die beim Schokoladenmuseum in der Lagerhalle 10 des

Rheinauhafens eingerichtete Präsentation muss jedoch Läufer

enttäuschen. Die Laufbewegung, die stärkste Sportbewegung, die

Deutschland ebenso wie andere Länder jemals hervorgebracht hat, kommt hier

schlicht nicht vor (mein Besuch liegt vier Jahre zurück). Ein Paar

Boxhandschuhe sind museumsdidaktisch wichtiger als ein Paar Laufschuhe

angesehen worden. Nach meinem Geschmack ist der Sport in der Dauerausstellung

viel zu sehr personalisiert worden. Offenbar haben auch andere Besucher an dem

Kölner Museumskonzept Kritik geübt.

 

Beispiele historischer Aufnahmen denkwürdiger Sportereignisse

Mit der Übertragung der Aufgabe eines „AIMS-Marathon Museums of

Running“ auf das Sportmuseum Berlin hat dieses für die Laufbewegung

zentrale Bedeutung erlangt. Auch Sportarten, die für die Gesellschaft

weniger relevant sind, haben ihr eigenes Spezialmuseum, zum Beispiel das

Rugby-Museum in Heidelberg oder das Boxsport-Museum in Sagard auf

Rügen.

Freilich, ins öffentliche Bewusstsein hat es das Sportmuseum Berlin

wohl nicht geschafft. Daran sah es sich vor allem durch den Mangel an einer

Ausstellungsfläche gehindert. Erst jetzt geht die Zeit der Provisorien

zuende. Der Anfang war damit gemacht worden, dass das Sportmuseum 1997 in das

Deutsche Sportforum ziehen konnte, das drei Jahre zuvor von den britischen

Alliierten freigegeben worden war, nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an

dem bereits 1930 der Schöpfer des Olympiageländes, Werner March,

einen Neubau für das Museum für Leibesübungen vorgesehen

hatte.

Noch immer sind allerdings Museumsobjekte in zwei Außendepots

gelagert. In den nächsten Wochen jedoch wird sich der letzte der 15

Umzüge seit 1990 vollziehen. Im Schwimmhaus in der Nachbarschaft sind

Erdgeschoss und Untergeschoss für Arbeits- und Depoträume ausgebaut

worden; der gesamte Museumsbestand kann nun zusammengeführt und die

wertvolle Negativsammlung .des Sportfotografen Heinrich von der Becke

klimatisiert untergebracht werden. Noch immer fehlt freilich die Fläche

für eine ständige Ausstellung, also gerade das, was ein Museum vor

allem ausmacht. Hier ist jedoch ein Synergieeffekt durch Hertha BSC zu

erwarten. Der Verein, der im Deutschen Sportforum seine Geschäftsstelle

unterhält, möchte bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 ein

Vereinsmuseum einrichten. Für Ausstellungszwecke bieten sich die drei

nicht mehr normgerechten Turnhallen der ehemaligen Deutschen Turnschule im

Sportforum an. Die Hälfte davon, etwa 2500 Quadratmeter, könnte dem

Sportmuseum Berlin dienen. Dann, mit der ständigen Ausstellung, würde

auch eine Abteilung „AIMS“ eingerichtet und der Laufsport

angemessen repräsentiert werden. Die laufenden Kosten der Ausstellung, so

hofft Martina Behrendt, die Leiterin des Sportmuseums Berlin, könnten

durch Eintrittskarten, möglicherweise ein Kombiticket für die

Besichtigung des Stadions und des Museums, refinanziert werden; eine

jährliche Besucherzahl von 100.000 scheint realistisch zu sein.

Schließlich ist das restaurierte Olympiastadion seit dem 1. August bis

zum BERLIN-MARATHON Ende September bereits von 50:000 Menschen besucht

worden.

Für das gesamte Gelände ist nun der Weg gebahnt; im Juni hat die

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport ein Leitkonzept für

das Olympiagelände verabschiedet. Das Deutsche Sportforum, während

der Nazizeit und danach „Reichssportfeld“, wird fortan als

Olympiapark Berlin wirtschaftlich und touristisch vermarktet. Der Boxpromoter

Sauerland und der American Football Club „Berlin Thunder“ haben

beispielsweise ihren Sitz hierher verlagert. Nach dem Leitkonzept wird dem

Gesamtensemble eine besondere historische, landschaftliche und architektonische

Bedeutung zugemessen. Ein öffentlich zugängliches Sportmuseum

fände damit sein optimales Ambiente. Für die weitere Entwicklung

sollten wir uns aufgerufen fühlen, dem „AIMS Marathon Museum of

Running“ Exponate und Archivalien zu überlassen.

Die Ausschreibung zum 1. Schwarzwaldmarathon zum Beispiel dokumentiert, dass

1968 zum ersten Mal auf der Welt ganz offiziell Frauen Marathon laufen durften.

Dieses Beispiel zeigt auch, dass scheinbar belanglose Objekte bereits innerhalb

einer einzigen Generation museumswürdig werden können.

Werner Sonntag

In den USA gibt es die Distance Running Hall of Fame, die in der Tradition

anderer Halls of Fame 1998 in Uticah (Staat New York) gegründet wurde.

Solche „Ruhmeshallen“ gibt es schon länger für American

Football, Baseball, Eishockey, aber auch für Rock ’n’

Roll.

www.RUNNERSWORLD.de

Werner Sonntag sei Dank

Werner Sonntag sei gedankt, dass er in RUNNERS WORLD 12/2004 auf das

Sportmuseum Berlin hinweist. Tatsächlich wurde am 6./7. Dezember 1994 beim

9. Weltkongress von AIMS in Macau (Association of International Marathons and

Road Races) beschlossen dem Sportmuseum Berlin diesen Titel zu verleihen und

eine bewährte Institution für die Dokumentation des weltweiten

Laufsports zu beauftragen. Die großen Läufe weltweit übersenden

ihr Material nach Berlin und bereichern so die schon umfangreiche Sammlung des

Museums auf dem Gebiet des Laufsports – aber auch alle andere Sportarten

und Disziplinen finden hier ihr zu Hause.

Die Sammlung von Sportmaterialien – und die Dokumentation - auf dem

Gebiet des Sports ist ein ziemlich schwieriges „Geschäft“.

Kein Aktiver, Athlet oder Funktionär – der im vollen Sportleben

steht - versteht es, wenn er angesprochen wird, abgelegte Sportsachen,

Urkunden, Medaillen, Bilder u.s.w. für ein Sportmuseum

abzugeben.

Viele Sportler führen über ihr Sportleben oft pedantisch und

systematisch Tagebuch und sammeln alles, ganze Keller sind voll mit

tonnenschweren erkämpften Medaillen, Abzeichen, Bierkrügen, Tellern,

Wimpeln, Urkunden, Bildern, Laufschuhen u.s.w. (je nach Sportart ließe

sich das fortsetzen), aber keiner kommt auf die Idee, derartige Archivalien

einem Sportmuseum zu überlassen, zu schenken oder leihweise zu

übergeben.

Aufheben - und dem Sportmuseum Berlin

überlassen

Spätestens wenn ein gewisses Alter erreicht ist, verstaubt alles, wird

vergessen – und wenn der Sportler verstirbt, verschwindet alles in der

Mülltonne.

Das ist keine Phantasie, sondern leider tagtäglich erlebte

Geschichte. Der Sport entsorgt seine eigene Geschichte – und keiner merkt

es oder macht sich Gedanken darüber.

Beim Sportmuseum Berlin wird allerdings seit Jahren durch einige

Unentwegte(“Verrückte“) gesammelt, „was das Zeug

hält“.

Von den unzähligen Werbefahrten des real,- BERLIN-MARATHON in den

letzten Jahrzehnten im In- und Ausland kehren die Werber oft mit mehr Material

zurück, als sie mitgenommen haben, denn der offizielle Auftrag des Race

Director des BERLIN-MARATHON lautete:

„Alles mitbringen von den Sport- und Marathonmessen, was nicht niet- und

nagelfest ist“ – und so findet sich manch völlig unbekannter

Lauf im Sportmuseum Berlin wieder, der seine Ausschreibung auf irgendeinen

Tisch abgelegt hatte.

Vieles könnte hier noch thematisch angefügt werden, was im

letzten Augenblick vor der Müllabfuhr gerettet wurde, so der INhalt von

Kellern von verstorbenen Athleten mit wichtigen Archivalien, die Dokumentation

der Sportredaktion einer Zeitung ... ... und, und, und ...landete im

Sportmuseum.

Sensibilisieren

Mit diesem Beitrag soll zumindest der Anfang gemacht werden, alle diejenigen zu

sensibilisieren, die mit Sport aktiv oder passiv zu tun haben, ihre Dokumente

nicht einfach in die Mülltonnen zu werden, damit schmeißt man seine

eigene Sport-Geschichte in die Vergessenheit.

Horst Milde 

Wir werden weiter an diesem wichtigen Thema dranbleiben, berichten und

informieren.

Wer sich direkt mit dem Sportmuseum Berlin in Verbindung setzen will, wichtige

Sportmaterialien zur Verfügung stellen will, damit sie der Nachwelt

erhalten bleiben:

Sportmuseum Berlin


AIMS Marathon-Museum of Running

Deutsches Sportforum

Hanns-Braun-Straße

14053 Berlin

Tel.: 030 / 305 83 00

Fax: 030/ 305 83 40

sportmuseum.berlin@t-online.de

Horst Milde

Weitere Beiträge zum/vom Sportmuseum Berlin:

35.000 Läufer als Künstler - alle hinterließen ihre Spuren -

Ausstellungseröffnung in der Galerie

www.real-berlin-marathon.com/news/show/002460

100 Jahre Berliner Leichtathletik-Verband

Schon 1908 fanden in Berlin eine Reihe von hochkarätigen Veranstaltungen

statt

www.real-berlin-marathon.com/news/show/002115

Als der Kaiser Grünes Licht gab

Aus der frühen Geschichte der Straßenläufe in Berlin

100 Jahre Berliner Leichtathletik-Verband

www.real-berlin-marathon.com/news/show/001926

Kathrin Weßel und Ulrike Bruns bei der Zweiten Runners

Party im Marathon-Hotel Holiday Inn Berlin-Esplanade

Etwa 300 Läuferinnen und Läufer zur Zweiten Runners Party im

traditionellen Athleten Hotel des real,- BERLIN-MARATHON

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000842

Zweite RUNNERSPARTY im Marathonhotel

Am Freitag, den 31. Mai 2002 ab 18.00 Uhr

Ehrung der Laufheroen

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000834

Die RUNNERSPARTY - ein Erfolg!

DIE VERSPÄTETE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000490

RUNNERSPARTY im Marathonhotel

Laufheroen beim Gala-Diner

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000483

Sind Läufer Sammler?

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

Der Mensch als Jäger und Sammler ...

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000463

Internationales Laufsport-Museum in Berlin im Aufbau

DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

Gerd Steins für das Sportmuseum Berlin,

Das AIMS-Marathon Museum of Running:

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000458

Museum auf dem Abstellgleis? (k)eine Zukunft für das Sportmuseum

Berlin?

Einladung zur Podiumsdiskussion

www.real-berlin-marathon.com/news/show/000425

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