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Det kann doch nicht der Sieger sein ! ...

40 YEARS OF RACING HISTORY

20 Jahre Frauenlauf - 30 Jahre BERLIN-MARATHON - 40 Jahre Berliner

Crosslauf

Teil 2 unseres Griffes in die "Geschichtskiste" der Entwicklung des

Laufens in Berlin.

"Da muß ich aber tief und lange wühlen, bis ich da noch was

finde" war die Antwort am Telefon von Günter Hallas. Es ging um ein

Treffen des Siegers vom 1. Berliner Volksmarathon - so hieß dieser Lauf

damals offiziell - vom 13. Oktober 1974 mit dem Veranstalter. Tatsächlich

erschien dann Günter Hallas zum Treffen mit einem dicken Kuvert und vielen

Erinnerungsstücken an seinen ersten Sieg, Zeitungsausschnitten, Bildern

und in einer Plastiktüte die alten abgelatschten Puma-Schuhe von

damals.

"Hat alles meine Frau gefunden" so sein kurzer Kommentar. Zu

seiner eigenen Überraschung war die Sieger-Urkunde mit der Unterschrift

des Veranstalters dabei - "die sehe ich jetzt nach 29 Jahren auch wieder

zum ersten Mal". Auch ein Bild "nicht ganz scharf" war dabei. Es

zeigt Günter Hallas auf der Straße vor dem Mommsenstadion, links

winkt ihm Dieter Weiß zu, dahinter ein Läufer vom BSV 92.

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"Das muß nach der ersten Runde sein, da lache ich noch"

erinnert sich Günter Hallas, denn zum Schluß, da war nichts mehr mit

Lachen. Günter Hallas (18.01.1942), geborener Spandauer, war Postzusteller

und beim TSV Siemensstadt zu Hause, lief aber offiziell für die LG Nord.

Zum Laufen kam er über Umwege, er wollte als Sechzehnjähriger das

Sportabzeichen machen, scheiterte aber am 100 m Lauf. Erst als 18-Jähriger

schaffte er dann das Sportabzeichen, weil er auf die 400 m ausweichen konnte.

Herbert Pulver, das damalige Leichtathletik-Original vom TSV brachte ihn auf

diesen Weg.

Er trainierte dann bei Helmut Klafki am Dienstag und Freitag - Sonntags lief

er bei Volksläufen mit. "Ali" wie ihn auch seine Freunde wegen

seines etwas dunkelhäutigen Aussehens nannten, lief als Vorbereitung auf

den 1. Berliner Volksmarathon des SCC einmal vor dem Marathon 20 - 25 km, das

war es dann. "Den Rest bis 42 km kannste auch noch so schaffen" war

die optimistische Prognose für die Lauf-Premiere.

Er kam auf 50 Kilometer, max. 60 Kilometer die Woche (3-4 x die Woche

"etwa 10 - 15 km Trainingseinheiten"). "Det haben mir die SCCer

nie gegloobt" sagt er. Eingeladen hat er sie, immer mit ihm zu trainieren,

aber gekommen ist keiner. Einmal ist er die Woche mal insgesamt 101 km gelaufen

- "aber nur einmal und nie wieder".

Auf dem Startbild des 1. Berliner Volksmarathon in der Waldschulallee 80 ist

Günter Hallas (Startnummer 37) nicht zu erkennen, das sollte sich schnell

ändern, denn er lief bald an die Spitze. Ab Kilometer 10 lag er vorne, an

der Verpflegungsständen lief er meistens vorbei "bloß keine

Zeit verlieren, man muß ja weiterrennen" so sein Kommentar. Eine

Salztablette habe er genommen mit einem Glas Wasser (gehörte 1974 zur

offiziellen Verpflegung) - und warme Brühe im Ziel!.

Zum Lachen war ihm auf der zweiten Runde überhaupt nicht mehr. In der

Nähe des Auerbachtunnels (bei 39 km/40km) an der AVUS ging es ihm so

schlecht, daß er sich an den Zaun hing und aufhören wollte. Ein

einsamer Zuschauer ermunterte und überredete ihn dann noch, sein Vorsprung

gegenüber dem Zweiten war so groß: "Das schaffste noch

!"

Günter Hallas schaffte es tatsächlich noch, aber der Ausruf eines

Zuschauers hat er heute noch im Ohr: "Det kann noch nicht der Sieger

sein!" - so langsam und abgekämpft kam er nach 2:44:53 ins Ziel am

Mommsenstadion vor Rudolf Breuer (SV Helios) 2: 46:43 3. Günter Olbrich

(Polizei SV) 2:48:08 4. Dieter Daubermann 2:48:40 5. Dieter Sickert 2:49:01 6.

Clifford Lewitz (USA) 2:49:42

Siegerin bei den Frauen wurde Jutta von Haase (LG Süd) in 3:22:01 vor

Elfriede Kayser (SC Helios) 4:03:50 Von 286 Teilnehmern kamen 244 ins Ziel,

letzte Zielzeit: 5:55:00

Weitere Ergebnisse siehe im Internet unter "Ergebnisse 1974"

"3" vspace="3" />"Nur wenige Ausfälle beim Volks-Marathon" war

die Überschrift tags darauf im Spandauer Volksblatt - "Zu einem

großen Erfolg wurde der erste Berliner Volksmarathonlauf des SCC"

kommentierte die Zeitung Berliner Morgenpost, wie auf dem Ausschnitt

nachzulesen ist.

Günter Hallas wurde beim 2. BERLIN-MARATHON im Jahr darauf nur Zehnter

in 2:52:00 - "da war ich übertrainiert", erinnert er sich. Seine

Startnummer ist die "425" als Mitglied des

BERLIN-MARATHON-Jubilee-Clubs. Er liegt mit 27 Teilnahmen zusammen mit Wilfried

Köhnke an zweiter Stelle der Rangliste des Jubilee-Clubs hinter Bernd

Hübner (29 x). Einmal fehlte er beim BERLIN-MARATHON wegen Krankheit und

einmal startete er zeitgleich beim Schwarzwald-Marathon.

Die Zahl von 30 Teilnahmen will er noch schaffen, "aber es fällt

immer schwerer - 2002 bin ich noch 3:18:00 gelaufen - in diesem Jahr

müßte 3:20:00 drin sein"! Er wiegt jetzt 61 kg, "damals

57/58 kg" - bei den Wettkämpfen habe er immer verhungert ausgesehen,

deswegen wurde ihm empfohlen Eisbein zu essen und zwar insbesondere das Fett.

Was er wohl auch dann gemacht hat - aber diese Hinweise sollten heute die

Leser/Läufer nicht unbedingt als Trainings- oder Wettkampfempfehlung

für heute ansehen.

Seine Bestzeiten sind über 10.000 m 33:00:00 (1976), Halbmarathon:

1:13:00 und 25 km 1:27:00, Marathon 2:35:00, seine beste Zeit beim

BERLIN-MARATHON war 2:38:28. An 81 Marathonläufen beteiligte er sich, so

u.a. in New York, Vancouver, Hawaii, Lissabon Hamburg und ... Spandau. So

außergewöhnlich ist sein Sieg 1974 beim BERLIN-MARATHON nun auch

wieder nicht, er wurde auch Sieger beim Wolfsburg-Marathon und in Malmö

(2:35:00).

Der ruhig und zurückhaltende "Ali" hat den Schalk schon im

Nacken, wenn er von der Familie erzählt, die an der Strecke mit Frau,

Kindern und Enkelin an die Strecke postiert sind und "den Opa"

anfeuern, wobei die Ehefrau "mit Laufen überhaupt nichts am Hute

hat", ihn aber zum Laufen schickt. "Renn mal, geh bloß mal ne

Runde laufen, dann siehste wieder besser aus" sagt sie zu ihm, wenn ihm zu

Hause die Decke auf den Kopf fällt.

"3" vspace="3" />Günter Hallas, der Champion von 1974, ist ein knorriger

und gestandener Läufer von altem Schrot und Korn mit seinem ureigenem

Humor und blitzenden Augen. Er kann Vorbild für die heutige

Läufergeneration sein, wie man mit Laufen Beruf, Leben und Familie

meistern kann - und dabei das Laufen auch nicht als todernste Angelegenheit

ansieht. Zeittabellen, Ernährungs- und Diäthinweise, Trainingslager,

integrierte Laufschuhmodelle, Laufstrategien und wissenschaftliche

Vorbereitungen auf den Lauftag X - das gehörte nicht in die Laufwelt von

1974 ff. (Wer der Läufer mit dem schwarzen C auf der Brust ist, kann im

BERLIN-MARATHON

Forum nachgelesen werden).

Die Organisatoren vom real,- BERLIN-MARATHON freuen sich, daß der

"Champion 1974" mit der grünen Startnummer "425"

weiterhin dabei ist.

Horst Milde

 

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