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Save the Date 28. September 2019

Newsarchiv

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Die Läufer-Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Schon legendär ist die Predigt des laufenden Pfarrers i.R. Klaus

Feierabend innerhalb des Oekumenischen Abendgebets in der

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, jeweils am Sonnabend vor dem

BERLIN-MARATHON um 20.30 Uhr.

Das Gotteshaus am Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg, kurz vor dem

Ziel des Laufes, ist seit Jahren voll besetzt. Völlig ungewöhnlich

für eine Kirche ist es, wenn während der Predigt plötzlich

Beifall aufbrandet. Dann hat der Kirchenmann läuferisch-kirchliche

Weisheiten der Laufgemeinde präsentiert.

Klaus Feierabend lief seinen ersten BERLIN-MARATHON 1980, er gehört mit

21 Teilnahmen dem BERLIN-MARATHON Jubilee-Club an. Insgesamt absolvierte er

bisher 27 Marathonläufe, seine Bestzeit ist 3:11:40. Beim letzten real,-

BERLIN-MARATHON konnte er wegen einer Verletzung nicht teilnehmen.

Die Begrüssung der Laufgemeinde wird schon seit Jahrzehnten von Pfarrer

Knut Soppa (Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche) vorgenommen, den Segen

erteilt Pater Joseph Schulte O.F.M. (Kath. Pfarramt Sankt Ludwig,

Berlin-Wilmersdorf).

Musikalisch umrahmt wurde das Abendgebet vom Chor

„Lystrup-Elstedt-Koret“ (Dänemark), Leitung Hans Schwenker

(Dänemark), Orgel: Henning Jansen (Freren – Dänemark).

Die Kollekte war bestimmt für behinderte Kinder in der

Fürst-Donnersmarck-Stiftung:

Postbankkonto Nr. 122 76 – 105 (BLZ 100 100 10)

Stichwort: „Marathon-Gottesdienst“.

Die Läufer-Predigt wurde veröffentlicht in der

Marathon-Ergebnisliste, Seite 208 – 210.

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Liebe laufende Mitmenschen und freundliche Marathon-Sympathisanten!

Was würdest Du – wenn ich grad Dich anspräche – was

würdest Du auf die Frage antworten, ob das Laufen Dich zu einem neuen, zu

einem besseren Menschen gemacht hat? Würdest Du zumindest ins Grübeln

kommen, oder käme die Antwort wie aus der Startpistole: „Ja.“

... „Nein.“ ... „Wieso?“ Gerade die erstaunte

Rückfrage ist denkbar. "Was hat’n das damit zu tun? Ich lauf

doch nicht, um ein besserer Mensch zu sein, eher aus höchst egoistischen

Motiven ...“

So Du, vielleicht.

Und bei mir? Ich brauchte nur Frau F. um ihre Meinung darüber zu

befragen, ob mich mein Laufen ‚veredelt’ hätte, sie würde

wahrscheinlich nichts sagen, nur mit ihrem unbeschreibbaren Blick mich ins

Benehmen setzen, ich wüsste sofort Bescheid. Aber es ist auffällig,

dass solche Frage immer wieder gestellt wird, in verschiedenen Ausformungen und

oft von nicht laufenden Mitmenschen: „Verfügt der Läufer

über eine besondere spirituelle Begabung?“ „Verhilft das

Laufen zu einem geistgewirkten Bewusstsein?“ „Empfängt der

langlaufende Mensch entscheidende Lebensimpulse auf einer Frequenz, die anderen

nicht zugänglich ist?“ Das ist meine Lieblingsfrage. Ich muss sagen,

liebe Freunde, dass meine Art, in begeisterten Tönen vom Laufen zu reden,

nicht unschuldig ist an kritischen Rückfragen. Zuweilen klingen die

wörtlichen Reaktionen von Mitmenschen gereizt, geradezu genervt: Ein mit

mir zusammen inzwischen alt gewordener Kollege murmelt seit 25 Jahren missmutig

und bei jeder Gelegenheit, dass ihm meine ‚Läuferhymnen’ und

‚laufenden Sphärengesänge’ einfach ‚auf den

Senkel’ gingen: „Von F. ist nichts anderes zu hören, wenn er

den Mund aufmacht. Und immer dasselbe.“

Letztere Behauptung schmerzt mich, denn nach meiner Erinnerung gab es stets

neue und unterschiedliche, phantasievolle Variationen zum Thema, aus meinem

Munde. Allerdings gilt auch dies: Die Wiederholung schärft den Blick

für neue Gedankenwege! Das erfährt jeder Läufer auf seinem

gewohnten Trainingskurs. Der Wunsch, ihn einmal ‚andersherum’ zu

laufen, wird übermächtig. Und die Erfahrung, die man dann macht mit

den mitlaufenden Gedanken, ist in einer geradezu bestürzenden Weise

glückhaft: Dir eröffnen sich höchst verheißungsvolle

Neuzuordnungen und Einschätzungen für deinen Alltag. Es ist, als

würden deine Dauerläufe gewisse Schleusen entriegeln und als

würden sprachlos gewordene Erinnerungen zu neuem Leben erweckt. Scheinbar

höchst Gesichertes wechselt die Stellung. Der Rhythmus deines Laufschritts

auf langem Atem korrigiert bei deiner Vergangenheitsarbeit sowohl die

verzweifelte Selbstverurteilung wie auch den bequemen Selbstfreispruch. Als ob

die Sauerstoffzufuhr es dir schwer machte, dich über dich selbst zu

täuschen. So hatte es doch der englische Erweckungsprediger aus dem 19.

Jahrhundert, Spurgeon, gesagt und wollte es besonders den Herren Geistlichen

ins Stammbuch schreiben: Außer dem Heiligen Geist sei nichts wichtiger

als die Sauerstoffaufnahme im Laufschritt.

Wisst Ihr, es gab ja schon immer die Ahnung, dass der Mensch an bestimmten

Orten Gott näher sei. Wie nun, wenn solcher Ort die ‚Bewegung’

ist, das Beschreiten und Erlaufen von langen Wegen auf weitem Atem?!

Wahrscheinlich heißt der ‚Wanderprediger’ so, weil er zuvor

wandern muss, um hernach predigen zu können. Sieh einer an, was man alles

lernen kann, wenn man Jesus zum Freund hat!

Wie steht’s nun mit dem spirituellen Lebensbeitrag des Laufens?

Seit 16 Jahren predige ich Euch mit wachsender Wonne den geheimnisvollen

Zusammenhang von Lebenslauf und Läuferleben. Nie habe ich damit einen

Elitestandpunkt beschreiben und vertreten wollen, als seien die Läufer an

sich schon einer besonderen Kaste zugehörig, auserwählt als über

der Masse der anderen schwebend, prädestiniert für eine geistige

Exzellenz par excellence.

Immer nur wollte ich ihn, den Läufer, als Glückspilz beschreiben,

bei dem wieder und wieder der Groschen fällt. Der spirituelle Lebensbezug

des langlaufenden Menschen liegt in der Fülle und im Reichtum der Bilder

begründet, die ihm beim Laufen zufallen. Bilder wie Gleichnisse, die ihm

das Vertraute anschaulich machen und das Fremdartige erklären.

‚Parabeln’, so nennt man solche erzählbaren Visionen.

Zum Beispiel: „Lügen haben kurze Beine!“ Das gilt fürs

Leben, wie fürs Laufen. Will sagen: Wer nichts einsetzt an Fleiß und

Beharrlichkeit, wird als Verlierer dastehen, so sehr er es vertuschen mag. Aber

auch so: „Glück muss man haben!“ Das heißt, selbst wenn

alles getan ist, gibt es keine Garantie für den Erfolg. Vielmehr wirst du

diesen immer nur als Geschenk erleben und nie stolz sein, ohne Dankbarkeit zu

empfinden. Gilt dies nicht wie fürs Laufen, so auch fürs Leben?!

Oder auch die ‚Blaue Linie’ auf dem Marathonkurs: Ist sie nicht

eine Parabel, eine ganze Beispielsammlung fürs Leben? Ohne dich zwanghaft

zu verpflichten, Schritt für Schritt an der Blauen Linie zu kleben, weist

sie dir dennoch fröhlich-ernsthaft den guten Kurs in voller Länge.

Wer abkürzt ‚auf Teufel komm raus’, betrügt sich selber.

Wem jedes Mittel recht ist, das Ziel schneller zu erreichen, solange es keiner

merkt, disqualifiziert sich im Leben genau so wie auf dem Laufkurs. Der

spirituelle Aspekt des Laufens also ergibt sich beim Laufen: Auf Schritt und

Tritt fallen dir die Bilder zu, die zu Gleichnissen des Lebens werden, zu

Ansprachen des Heiligen Geistes. Ja, das wage ich zu behaupten.

Wachsam musst du allerdings sein. Nicht alles, was dir einfällt, stammt

‚von oben’. Die Heilige Schrift warnt uns: „Prüfet aber

alles, und das Gute behaltet!“ Es ist nämlich möglich, dass wir

während des Laufens nur Müll im Kopf haben. Dann möchte mir der

Heilige Geist am liebsten zuflüstern: „Feierabend ...“ –

ansonsten duzt er mich –, „Feierabend, du hast jetzt lauter Mist

geredet in deinem Kopf. Ändere dich!“ Denkt euch: das

widerfährt mir des öfteren, beim Laufen wie auch sonst. Uner-beten,

aber folgerichtig: Sonst hätte ich in den letzten Monaten mehrmals

gegenüber dem Heiligen Geist einen schweren Stand. Warum? Ich machte

einfach keinen guten Eindruck vor seinem Forum, weil ich beim Laufen und auch

hinterher nur herumjammerte. Und nun ist es heraus: Seit längerer Zeit und

bis auf Weiteres kann ich nicht mehr laufen, nicht ohne Schmerz bei jedem

Schritt. Frau F.: „Wehe, du sagst darüber mehr als einen Satz.

Keinen Menschen interessiert das!“ Das glaube ich ihr nie und nimmer,

doch vorsichtshalber schweige ich tapfer ... Jetzt!!!

Nun aber: Wie selbstverständlich und durchaus erneuerungsbedürftig

gilt unser vorjähriges: „UNITED WE RUN!“ Unabhängig von

der verschiedenmöglichen Beurteilung der aktuellen politischen Lage im

Verlauf der letzten 12 Monate bleibt erhalten als Lebensschatz für immer,

was wir damals so deutlich gespürt hatten wie nie zuvor. Obwohl wir

Teilnehmer am BERLIN-MARATHON natürlich nur ein verschwindend kleiner Teil

der vom Terror betroffenen Welt waren und sind, hatten wir doch ein Wunder

erlebt, ein Wunder der Menschlichkeit und Liebe, der Trauer und des

Mitgefühls. Dieses Erlebnis des ort- und zeitunabhängigen

Gleichklangs auf derselben Herztonfrequenz war etwas ganz und gar

Überwältigendes gewesen. Wir wollten seine Unmittelbarkeit nie mehr

verlieren und sie in Ehren halten, was immer in Zukunft noch auf uns

einstürmen würde.

Für uns heute heißt das: Läufer sind Friedensboten und

Gehilfen des Heils, ob sie wollen oder nicht. Läufer können nicht

für die Rache laufen, ob sie wollen oder nicht. Indem wir laufen, leben

wir solidarisch füreinander im Dienst der Versöhnung mit allen, die

guten Willens sind. In einer der ehrwürdigsten Ü-berlieferungen der

Bibel wird auch uns vor Augen gemalt, wie wir zu leben haben, ohne kleinliche

Gelüste, aber mit Entschiedenheit auf weitem Atem: „Und Gott zog vor

ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie auf richtigem Kurs zu

halten, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie

jederzeit laufen konnten.“

Möge es euch gut ergehen, morgen, auf dem beschwerlichen und

verheißungsvollen gemeinsamen Weg !

Amen.

 

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